Dem vorderen Kreuzband kommt im Kniegelenk eine besondere Bedeutung zu – es ermöglicht eine Scharnierbewegung des Gelenkes und verhindert ein „Hin- und Herrutschen“ der knöchernen Strukturen. Der Kreuzbandriss ist bei Hunden nach wie vor eine der häufigsten orthopädischen Erkrankungen.

Die Diagnose Kreuzbandriss stellt beim Menschen eine typische Sportverletzung dar. Bei  unseren Vierbeinern verhält sich das etwas anders. Neben den traumatischen Ursachen handelt es sich gerade beim Hund meist um einen „degenerativen Prozess“, das heißt: das Kreuzband zeigt im Laufe der Jahre Verschleißerscheinungen, wird immer dünner und reißt schließlich. Die Veränderungen an der Bandstruktur nehmen in fortgeschrittenem Alter und mit zunehmendem Körpergewicht des Hundes zu (negative Auswirkungen hat auch ein schlechter Trainingszustand).

Der endgültige Riss des Kreuzbandes verursacht in der Regel nur geringe bis mäßige Schmerzen. Obwohl viele Hunde das betroffene Bein zunächst überhaupt nicht mehr belasten, tritt innerhalb von 2 bis 3 Wochen eine scheinbare Besserung auf – die Hunde belasten teilweise wieder, bis plötzlich erneut eine Verschlechterung entsteht: dies ist nicht selten der Moment, an dem der innere Meniskus massiv geschädigt ist (quasi ein „Stoßpuffer“ zwischen den knöchernen Anteilen des Gelenkes).

Dem Hund macht die Instabilität des Gelenkes enorm zu schaffen, bei jeder Belastung verschieben sich die Knochen gegeneinander – der Hund fühlt sich unsicher. Verschlimmert wird die Situation im Laufe der Zeit durch erste Arthroseerscheinungen oder einen schmerzhaften Gelenkerguss.

Diagnose

Meist wird die Diagnose Kreuzbandriss bei der klinischen orthopädischen Untersuchung gestellt – nämlich in den Fällen, in denen das Gelenk so instabil ist, dass Ober- und Unterschenkel abnorm gegeneinander verschieblich sind (positiver „Schubladen-  und Tibiakompressionstest“). In unklaren Fällen (z.B. stark bindegewebigen Reaktionen im Gelenk, Teilrissen des vorderen Kreuzbandes) wird die Diagnose mit Hilfe Bild gebender Verfahren (Röntgen, CT)  abgesichert.

Kreuzbandriss Hund
© Hundeherz.ch

Therapie

Ein Kreuzbandriss verheilt nicht von allein – die Therapie ist daher immer ein chirurgischer Eingriff und der erfolgt am besten so schnell wie möglich, um chronische Folgeschäden am Gelenk, wie Arthrosen, Knorpel-/Meniskusschäden und Atrophien der Gliedmaßenmuskulatur zu verhindern, bzw. zu minimieren.

Lediglich bei sehr kleinen Hunden mit „Teilrissen“ des Kreuzbandes ist die konservative Behandlung (strikte Ruhighaltung, Antiphlogistika, längerfristig Physiotherapie) eine Option.

Der Weg der vielen dafür entwickelten Operationsmethoden für den Kreuzbandriss führte über intrakapsuläre und extrakapsuläre Techniken bis zu den modernen Umstellungsosteotomien. Allen gemein ist die Beurteilung und nötigenfalls Behandlung der Menisken (Cleaning up, Meniskektomie, etc.) und als entscheidende Maßnahme die Stabilisierung des Kniegelenkes. Man unterscheidet zwischen intra- oder extraartikulären Techniken und solchen mit oder ohne Bandersatz.  In unserem Kleintierzentrum kommen hauptsächlich die folgenden Operationsmethoden zum Einsatz:

  1. Kapselfaszienraffung nach Meutstege
  2. laterale Fadenzügelung und eine Mischung aus 1&2 oder
  3. VetLig (intraartikulärer Kreuzbandersatz)

Welche Methode für welchen Patienten?

Die Wahl der Operationsmethode richtet sich nach den körperlichen Gegebenheiten des Patienten (bei schwereren Patienten sind oftmals die Methode 1&2 nicht angeraten), dem Arthrosegrad des Gelenkes, der Beteiligung der Menisken und ist letztendlich auch eine Kostenfrage. Das heißt für Sie als Patientenbesitzer, dass wir gemeinsam den richtigen Weg im Beratungsgespräch festlegen.

Um Ihnen einen umfassenden Überblick aller wesentlichen Operationsmethoden des Kreuzbandrisses beim Kleintier (Hund / Katze) zu geben, finden Sie hier einen kleinen Überblick mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen aus unserer Sicht:

TPLO

Bei dieser Operationsmethode des Kreuzbandrisses erfolgt ein viertelkreisförmiger Knochenschnitt am oberen Ende des Schienbeins. Anschließend wird die Gelenkfläche des Schienbeinknochens nach einem zuvor berechneten Maß nach hinten rotiert. In dieser neuen Position wird sie mit einer Knochenplatte und Schrauben fixiert. Durch die Rotation wird die Neigung der Gelenkfläche reduziert. Das Ziel ist eine postoperative Neigung von 5°.

Der Winkel zwischen Kniescheibenband und Gelenkfläche beträgt dann etwa 90°. In Versuchen wurde festgestellt, dass bei dieser Neigung der Cranial tibial thrust neutralisiert und die Spannung des vorderen Kreuzbandes (wenn es noch nicht vollständig gerissen ist) deutlich reduziert wird.

Vorteil:

Dauerhafte und zuverlässige Stabilisierung des Kniegelenks auch bei starker Belastung auch bei Tieren mit hohem Körpergewicht

Nachteile: 

X schwerwiegender Eingriff mit Zersägen des Knochens
X Umlenkung von Kräften in nicht natürlicher Art und Weise
X sehr langer Heilungsprozess
X hoher Preis

TTA

Eine der TPLO ähnliche Methode ist die TTA (Tuberositas Tibia Advancement). Hier wird der Kreuzbandriss ebenfalls mittels eines Knochenschnittes die Biomechanik des Kniegelenks verändert. Durch eine Nachvorneverlagerung des Kniescheibenbandes wird wie bei der TPLO ein nahezu rechter Winkel zwischen Kniescheibenband und Schienbeingelenksfläche erreicht.

Vorteil:

 Die Belastung des operierten Beines unmittelbar postoperativ erfolgt etwas schneller als nach einer TPLO

Nachteile:

X Die Belastung des operierten Beines 1 Jahr nach einer TTA ist etwas schlechter als ein Jahr nach einer TPLO
X Stärkeres Fortschreiten der Kniegelenksarthrose
X Signifikant höhere Zahl von Meniskusschäden postoperativ als nach einer TPLO
X geringere Stabilität postoperativ als nach einer TPLO (Aktuelle Untersuchungen von Prof. Böttcher, Universität Leipzig)

Einen umfangreichen Vergleich zwischen beiden Operationsmethoden TPLO & TTA finden Sie in der Dissertation von Frau Dr. Monika Höpfl hier.

Bandersatz, extrakapsulär (Ruby, Tightrope, Bandersatz nach Flo / Meutstege)

Der extrakapsuläre Bandersatz wird bei Kreuzbandrissen von Kleintieren häufig verwendet. Hierbei wird ein Kunststoffband außerhalb des Gelenkes in der Verlaufsrichtung des vorderen Kreuzbandes angebracht. Die Art der Fixierung ist bei den jeweiligen OP-Methoden unterschiedlich. Dies kann mit Knochenankern im Oberschenkel und Schienbein (Ruby), mit Bohrlöchern im Oberschenkel und Schienbein (Tightrope) oder am Sesambein des Oberschenkels und mit Bohrloch am Schienbein (Flo) erfolgen.

Vorteile:

Kürzere Narkose- und OP-Dauer
 Günstigerer Preis
 gute Erfahrungen mit kleinen und mittleren Hundegrößen
schnellerer Heilungsprozess als bei den vorgenannten Methoden

Nachteile:

X Ersatzband kann genauso wie ein normales Kreuzband wieder reißen
X „Ausleiern“ (Osteolyse) der Knochenbohrlöcher bei der Tigthropemethode mit der Folge einer erneuten Instabilität

Bandersatz, intrakapsulär – VetLig

Diese Methode wird bei Menschen seit 25 Jahren angewandt. Körpereigenes oder künstliches Material (Sehnen, Teile vom Kniescheibenband, Faszie) wird als Bandersatz anstelle des gerissenen Kreuzbandes eingesetzt.

Beim Hund hatte sich diese Methode lange Zeit nicht bewährt. Aufgrund der bei Hunden nur unzureichend kontrollierbaren Belastung der Kniegelenke nach einer OP riss der Bandersatz in vielen Fällen wieder.

Mit der Entwicklung neuer Materialien in der Medizintechnik besteht heute die Möglichkeit auch Hunden / Katzen eine Operationsmethode angedeihen zu lassen, die bei Menschen als State of the Art gilt, da sie die natürliche Anatomie des Tieres am besten nachbildet und im Gegensatz zu TPLO / TTA keine belastenden Veränderungen an den Knochen vorsieht.

Mit VetLig steht nach langer Vorarbeit von Dr. Jacques.Pillipe Laboureau ein synthetisches Band für den intraartikulären Kreuzbandersatz bei Kleintieren zur Verfügung.

Mit einer Tunneltechnik wird das VetLig als Totalersatz für das Kreuzband eingesetzt. Die geflochtenen extraartikulären Teile der Bänder werden durch kanulierte Titan.Interferenzschrauben in femoralen und tibialen Knochentunneln verankert.

Diese Technik verursacht keine irreversiblen Schäden.

Vorteile:
auch bei sehr schweren Hunden >70kg einsetzbar
Nachbildung der natürlichen Anatomie ohne schwerwiegenden Eingriff in die Knochenstruktur
das Hinterbein des Patienten ist sofort (!) nach der OP ohne Risiken wieder belastbar
geringere Kosten als bei TPLO oder TTA

Nachteil:
X höhere Kosten als bei Kapselfaszienraffung nach Meutstege oder laterale Fadenzügelung

Eine umfangreiche klinische Studie zwischen 2012 und 2019  (hier) zeigt gute bis ausgezeichnete Ergebnisse in 98% der Fälle und stellt somit auch für uns momentan die modernste und schonendste Behandlungsmethode für schwere Tiere dar.